Quelle: Kultiversum /Theater heute Juli-Ausgabe 2010
"Sonst gebe ich keine Ruhe"
Der Kölner Schauspieler Carlo Ljubek liebt keine großen Worte – ein Porträt von Andreas Willink
Vor einem halben Jahr hatte Carlo Ljubek einen Unfall. Der Sturz vom Fahrrad und der komplizierte Bruch von Elle und Speiche sei auch Ausdruck seines «Zerrissenheitsgefühls» gewesen, nach «acht Jahren, die ich nur auf Gleisen gelebt habe. Man kriegt sich selbst nicht mehr eingeholt, steigt in Berlin ein und in Wiesbaden oder Köln aus, aber scheint nur als Körper vorhanden zu sein». Danach hat der Schauspieler pausieren und eine Produktion mit Karin Beier absagen müssen: notwendige Reaktion auf den körperlichen Knockout. Carlo Ljubeks Wunsch nach «Schutz und Unterstützung» ist auffallend – und ihm selbst nicht ganz geheuer. Er käme sich gelegentlich vor wie ein Prediger und unterschreibe Briefe schon mit «Pfarrer C», scherzt er. Dabei weiß er natürlich, dass «die Firma Theater das beim besten Willen nicht leisten kann», dass man Grenzen selbst ziehen müsse.
Guter Junge und Störenfried: «Das Fest»
Seit drei Jahren am Kölner Schauspielhaus engagiert, hat der 34-Jährige in zwei von Karin Beiers gefeierten Inszenierungen, als Siegfried in den «Nibelungen» und Iason im «Goldenen Vlies», Anteil am Erfolg. Jüngst brachte er die Premiere von Thomas Vinterbergs und Mogens Rukovs «Fest» hinter sich. In Dieter Giesings Regie spielt er die zentrale Rolle – «eine Rolle, an der man sich aufreiben kann» – des Christian Klingenfeldt: des in einen anderen Vaterkonflikt gezwungenen großbürgerlichen Dänenprinzen, Regisseur und Akteur eines Wahrheitsspiels sowie Katalysator des familiären Auflösungsprozesses. Christian ist hier vom ersten Moment an auf der Außenseiterposition, versunken in seine Erinnerung, dem Jetzt entrückt; selbst für die Jugendflamme Pia (Myriam Schröder) bringt er kaum Interesse auf. Der innere Zwiespalt, guter Junge sein zu wollen und Störenfried sein zu müssen, nimmt ihn völlig in Anspruch. Auf offener Bühne zieht Carlo Ljubek sich aus und um, wirft sich in Schale, wäscht sich Blut von der nackten Haut, als wiederhole er damit vor unser aller Augen jenen Akt der Demütigung, den er als vom Vater missbrauchtes Kind erfahren hat. Heute, zum 60. Geburtstag des Patriarchen, dem männlichen «Stahlwerk», wird bereits in der Begrüßung der Abstand sichtbar, der beide trennt. Während Christian Schwester und Mutter herzlich umarmt, lässt er es beim Vater (Felix Vörtler) nur passiv mit sich geschehen. Die Distanz wird sich in ihrer späteren Konfrontation bewahren, wenn der Alte sich mitten auf der Szene postiert und der Sohn am Rand des Parketts steht – nahe beim Ausgang.
Einmal liegt Christian, bevor das Theater der Enthüllung beginnt, zusammen mit Bruder Michael (Sebastian Haase) und Schwester Helene (Angelika Richter) wie tot am Boden. Drei von vier Geschwistern haben das Elternhaus überlebt – aber wie? Zum Wiederholungszwang verurteilt, wird Christian der Wiedergänger des Vaters, wie Vinterbergs Fortsetzung «Das Begräbnis» kürzlich im Wiener Burgtheater enthüllte. Dass Christians Furor, mit dem er das familiäre System einreißt, auch Selbsthass ist, trägt er bei Carlo Ljubek schon mit sich.
Auftritt Siegfried und Iason
In dem an (auch jungen) Talenten nicht armen Kölner Ensemble, dem besten an den gebeutelten nordrhein-westfälischen Bühnen, springt Carlo Ljubek dennoch seit seinem ersten Solo sofort ins Auge. Auftritt: Siegfried. In Hebbels «Nibelungen» bricht er – dunkel gelockt – das Image des blonden teutonischen Recken, bringt Robustes und Kühnes ins Spiel, tänzelt im Schaulauf mit Liegestütz und Schwarzenegger-Pose eine geschmeidige Kraft-Choreografie hin. Es paaren sich die Naivität des Helden, der mit dem Übermut des Drachentöters und der Ahnungslosigkeit des Feuerkopfs in den Untergang galoppiert, und sinnliche Lust des Liebhabers, der mit seiner Braut Kriemhild (Patrycia Ziolkowska) in so erotische Wirbel abdreht, dass man an französische Filmidole von Gérard Philipe bis Belmondo denkt.
Das Himmelstürmende wiederholen Ljubek und Ziolkowska ein zweites Mal: in der Medea-Variation «Das Goldene Vlies» als kurzes Möglichkeitsglück zwischen Iason und der «Anderen», Kreons Tochter Kreusa, der Gespielin aus Korinther Kindertagen. Aber der Argonaut hat nun mal die Barbarin aus Kolchis zur Frau genommen, und ihm droht, aus seiner griechischen Gemeinschaft verstoßen zu werden. Verzweifelt versucht er die Trennung von Medea (Maria Schrader): Szenen einer Ehe. Ljubek zeigt Iason als gefühlsunsteten, sich selbst ausweichenden, Widerständen nicht gewachsenen Mann. Erotische Wirkung setzt er nicht strategisch ein, sondern gebraucht sie rein instinktiv. Nicht einmal ein Held der Schwäche.
Kulturbruch und Fremdheit
Solche Halbherzigkeiten und Wendigkeiten liegen Ljubek eigentlich nicht. Es gilt das Beherzte, auch im Beruf. Der Sohn kroatischer Eltern spricht von «Schauspielern, die ums Überleben kämpfen können». Haben Behauptungs- und Bestätigungsmaßnahmen mit der eigenen Geschichte zu tun? Kulturbruch und Fremdheit, das Problem der Anpassung scheinen zumindest durch seine Rollen zu flottieren. Siegfried und Iason in anderer Gestalt. Das Modell wiederholt sich. In dem beachtlichen 45-minütigen Film «Jedem das Seine» von Stefan Schaller, entstanden an der Filmakademie Baden-Württemberg, spielt Ljubek wieder auf der anderen Seite. Nico und Milos sind Brüder, der ältere hat sich integriert um den Preis der Selbstverleugnung und des Verschweigens, Asylant und «Zigeuner» in einem Lager in Erfurt gewesen und als Ladendieb sexuell missbraucht worden zu sein. Gut angepasst, nennt er sich jetzt Nico Schäfer. «Ich weiß nicht mehr», lautet die Formel für seinen Konflikt, der ausbricht, als er seinen jüngeren Bruder in Haft nehmen muss und sich an ihm schuldig macht durch Unterlassung.
Man sei wie ein «Vogel ohne Beine», sagt Regisseur Burhan Qurbani, mit dem Ljubek den auf der Berlinale uraufgeführten Film «Shahada» gedreht hat, um die deutsch-muslimische Biografien betreffende Identitäts-Amputation zu charakterisieren. Sein Kino-Debüt zeigt ein winternasses Berlin, auf das Hagel herabprasselt. Ljubek trifft als Polizist Ismael bei einer Passkontrolle die Frau wieder, die er vor Jahren versehentlich angeschossen und dabei deren ungeborenes Kind getötet hat. «Dunkler Engel» nennt ihn die Frau, die ihr Kind gar nicht wollte. Wieder spielt Ljubek hier eine Figur, die Normalität aufrecht zu erhalten versucht, während Erschütterungen das fragile Sinn-System gefährden.
Im Gespräch mit Carlo Ljubek liegt die Diskrepanz von äußerer Erscheinung zwischen Antonio Banderas und Michael Ballack und innerer Disposition bald offen. Ljubek, der übrigens selbst professionell Fußball gespielt und sich bei «München 1860» sein Schulgeld erkickt hat, zieht einen anderen Vergleich vor, den mit dem puertoricanischen Hollywood-Star Benicio del Toro. Das sei jemand, «dem er gern zu guckt».
Ein strampeliger Weg
Wie auch dem Kollegen Miki Manojlovic. Mit dem Serben (Filmpartner von Marianne Faithfull in «Irina Palm») hat Ljubek einen Film gedreht, an dem ihm sehr liegt: «Die Welt ist groß und Rettung lauert überall». Als Sashko muss er einen Verlust verarbeiten, der in Bulgariens Diktatur seinen Ausgang nahm. Er geht auf eine Erinnerungsreise, zu der der Großvater seinen Enkel zwingt, um dessen Amnesie nach einem Autounfall zu heilen und den Würfelfall des Schicksals selbst zu bestimmen. Der Filmstoff traf bei Carlo Ljubek auf Erinnerungsbilder. Mit 15 zog er nach der Scheidung seiner Eltern fort aus dem münsterländischen Bocholt und kam mit dem Vater nach München. Als der Balkankrieg ausbrach, lebten in ihrer 50-Quadratmeter-Wohnung mehr als ein halbes Dutzend Flüchtlinge aus Jugoslawien. Kaum Privatsphäre. Keine geebnete Bahn zu Kunst, Theater, Literatur. «Ein strampeliger Weg», wie er sagt. Als Kind hatte er mal im Schulmärchen den «Gestiefelten Kater» gespielt, das war’s auch schon. Die familiäre Trennung verlangte frühes Erwachsenwerden und Verantwortung, etwa für die jüngere Schwester.
Woher nahm er die Kraft, sich ein ganz anderes Leben zu bauen, im Anschluss an die Lehre zum Industriekaufmann und das nachgeholte Abitur? Auslöser sei seine erste große Liebe gewesen: «Wenn es etwas mit Frauen zu tun hat …», kommentiert er den Impuls selbstironisch. «Um es ihr recht zu machen. Um etwas zu beweisen. Und weil ich auch keinen anderen Ausweg gesehen habe.» Zum Theater sei er gekommen, erzählt Ljubek, weil seine damalige Freundin eine Schwester und diese einen berühmten Freund hatte, einen prominenten Film- und Bühnenstar. Da sagte er sich: «Was der kann, kann ich auch.» Ljubek bewarb sich an drei Schauspielschulen und hatte die Wahl. Er konnte an die Berliner Ernst-Busch- oder Münchner Otto-Falckenberg-Schule gehen, entschied sich für letztere und absolvierte sie von 1999 bis 2002.
Das Stolpern und Straucheln muss Ljubek als Bruch und Bremse erlebt haben angesichts seines Willen, der sich gegen Bequemlichkeit («gefährlich») und Zufriedenheit im Beruf («kaum zu erlangen – und dann verheerend») wappnet. «Verunsicherungen» gab’s reichlich, auch auf der Schauspielschule, bei «vergeigten» Vorsprech-Terminen und während des fünfjährigen Engagements in Wiesbaden. Am dortigen Staatstheater hat er u.a. Hamlet und Don Carlos gespielt und «eine Form von Einsamkeit gespürt wie selten zuvor und danach». Regisseur András Fricsay wurde zur wichtigen Stütze. Der sei ihm mit Liebe begegnet. «Wenn dieser Funken nicht zündet, ist es schwer. Als Schauspieler bist du nackt. Woher soll man den Mut nehmen, sich den Wasserfall runterzustürzen, ohne etwas zum Festhalten zu haben?»
Freispiel bei Johan Simons
In Köln ist es die Intendantin Karin Beier, der er Vertrauen entgegenbringt. Carlo Ljubeks Freundin, die Schauspielerin Maja Schöne, hatte ihn angeschubst, sich für den Kölner Neustart zu bewerben. Denn eigentlich hat er «Angst davor, irgendwo fest engagiert zu sein. Angst, dass man mich nehmen und irgendwo hinstellen kann. Dann laufe ich weg.» Dass Karin Beier ihn halten kann, gehört zu ihren nicht wenigen guten Taten. Mit großen Begriffen tut er sich schwer. «Ich muss einen Gedanken verstehen, sonst gebe ich keine Ruhe.» Die Definition einer glückenden Aufführung wäre: dass sie «nichts Ausgedachtes» habe und sich «das unsichtbare Netz spannt zwischen mir, den Partnern und dem Regisseur». Klingt kompliziert und etwas verdreht, trifft es aber. «Energie und Spiellust, Offenheit und Scham» bescheinigt er sich selbst. Jedenfalls sind es Eigenschaften, die Intensität und Spannkraft vermitteln. Auch Charme und Witz, die Laurent Chétouane in seinem Kölner «Faust» bei Ljubek gehoben hat. In der den Erzählfaden auflösenden Text-Exegese konnte er spottlustig und grimassierend, auf Teufel komm raus, des Pudels Kern enthüllen und gemeinsam mit fünf anderen Darstellern Mythologie und Naturphilosophie von Goethes Drama mit der abenteuerlichem Fabel samt Abrakadabra versöhnen. Auch bei Johan Simons hat sich für ihn das Netzwerk geknüpft. In der auch zum Berliner Theatertreffen geladenen Horváth-Inszenierung «Kasimir und Karoline» spielt Ljubek den Merkl Franz: «Wichtig war, einen Kontrast zu den anderen Figuren herzustellen, ihn zu zeigen als jemanden, der anders unterwegs ist. Es dauert übrigens auch eine Weile zu akzeptieren, dass man daraus keinen Hamlet machen kann.» Aber das war nicht wesentlich.
Mit Simons erlebte er «angstfreies Probieren», das sich nicht im bloßen Wiederholen erschöpfte. Da müsse man sich nicht rechtfertigen, könne alles tun, ohne als Hemmnis im effizienten Ablauf wahrgenommen zu werden, sagt Ljubek. Ein Freispiel, das nicht mit der Premiere ende, sondern sich Abend für Abend fortsetze. «Nichts schlimmer, als brav und akkurat abzuliefern.» Wenn die Herausforderung ausbleibt, die Zielvorstellung verpasst wird, löse das Unzufriedenheit aus. «Das Gefühl, auf der Stelle zu treten, macht mich wahnsinnig.» In der Konsequenz heißt das: «Ich stelle mich nicht mehr auf die Bühne und schäme mich für das, was ich tue.» Sagt Carlo Ljubek mit fast kindlichem Trotz. Konfrontativ. So sei er immer schon gewesen.
