Quelle: Welt online

"Am Abgrund stehen und dann springen"

Von Andreas Wilink 19. Oktober 2008, 02:23 Uhr

Der Schauspieler Carlo Ljubek ist einer der jungen Stars am Kölner Schauspielhaus: Nun spielt er Goethes "Faust"

Carlo Ljubek greift mit beiden Händen zu. Auch, wenn er sich von jemandem verabschiedet. Keine halben Gesten, sondern beherzter, voller Einsatz. Das Direkte, das sich in dem Zugriff ausdrückt, gilt auch für den Beruf. Er spricht von "Schauspielern, die ums Überleben kämpfen können". Man ahnt, dass es nicht blanke Theorie ist. Seit einem Jahr an Karin Beiers Kölner Schauspielhaus engagiert, hat Ljubek in zwei ihrer gefeierten Inszenierungen - als Siegfried und Iason - Anteil am Erfolg. Seit Freitag spielt er nun unter Regie von Laurent Chétouane Goethes "Faust". In dem an Talenten nicht eben armen Ensemble, vermutlich dem besten in NRW, fällt der 32-jährige Ljubek dennoch ins AugeOptisch und auch sonst.

Carlo Ljubek sieht aus wie der sprichwörtliche Latin Lover. Aber die männlich-kantige Linie dieses Traumtyps nimmt bei ihm eine sanfte Kurve. Bedingt besonders durch die weichen Gesichtszüge und die raue, warme Stimme. Hendrik Hölzemann, Regisseur seines Films "Kammerflimmern", veranlasste sie zu schwärmen: Wenn er eine Frau wäre, würde er sich in diese Stimme verlieben.

Aber mit softem Buben-Charme allein ist es bei Ljubek nicht getan. Wenn er in Karin Beiers "Nibelungen" das Image des blonden nordischen Recken Siegfried dunkel gelockt bricht, kommt etwas Robustes und Kühnes ins Spiel. Im Schaulauf mit Liegestütz und Schwarzenegger-Pose tänzelt er eine Kraft-Choreografie hin. Der Drachentöter als übermütiger Feuerkopf, der mit seiner Braut Kriemhild (Patrycia Ziolkowska) in Clinch gerät und in erotische Wirbel abdreht. Das Juchzend-Himmelstürmende wiederholt das junge Kölner Traumpaar Ljubek/Ziolkowska ein zweites Mal in Grillparzers "Das Goldene Vlies". Ljubek ist in dem Drama der Argonaut Iason. Seine erotische Wirkung setzt er nicht strategisch ein, sondern gebraucht sie rein instinktiv. Carlo Ljubek fasst die ihn schmerzhaft erschöpfende Rolle in ein Bild: "Am Abgrund stehen und trotzdem springen".

Das Besondere an Ljubek ist, dass man ihn nicht gleich einordnen und ablegen kann: Ein dem Schönen zugeneigter Geburtshelfer muss bei Ljubek die Gene von Antonio Banderas mit denen Michael Ballacks gekreuzt haben. Übrigens hat Ljubek selbst professionell Fußball gespielt und sich bei 1860 München 1860 sein Schulgeld erkickt. Er selbst würde statt Banderas den puertoricanischen Hollywood-Star Benicio del Toro vorziehen. Beim Wort "Vorbild" allerdings zögert er: Der sei eben jemand, "dem er gern zuguckt". Wie etwa auch dem Kollegen Miki Manojlovic (Filmpartner von Marianne Faithfull in "Irina Palm"). Mit dem Serben hat Ljubek, der Sohn kroatischer Migranten, einen Film gedreht, an dem ihm sehr liegt. "Die Welt ist groß und Rettung lauert überall" geht auf eine Erinnerungsreise von Großvater und Enkel, die einst mit einer Flucht aus Bulgarien begann.

Der kürzlich abgedrehte literarische Filmstoff legt bei Carlo Ljubek biografische Spuren frei. Mit 15 zog er nach der Scheidung seiner Eltern fort aus Bocholt und kam mit dem Vater nach München. Als der Balkankrieg ausbrach, lebten in den 50 Quadratmetern ihrer Wohnung mehr als ein halbes Dutzend Leute, alles Flüchtlinge aus Jugoslawien - kaum Privatsphäre, keine einfache Jugend, keine geebnete Bahn zu Kunst, Theater und Literatur, sondern ein "strampeliger Weg", wie er sagt. Als Kind hatte er mal im Schulmärchen den "Gestiefelten Kater" gespielt, und das war es auch schon.

Nach der familiären Trennung wurde er früh erwachsen, kümmerte sich um die jüngere Schwester. Aber woher hat er all die Kraft genommen, sich ein total anderes Leben zu bauen, im Anschluss an die Lehre zum Industriekaufmann und seinem nachgeholten Abitur? Auslöser sei seine erste große Liebe gewesen, um ihr und sich selbst etwas zu beweisen. Er kam zum Theater über einen Bekannten, der prominenter Film- und Bühnenstar war. Der Name sei im deutschen Kino kaum zu toppen. Damals sagte er sich: "Was der kann, kann ich auch". Ljubek bewarb sich an drei der besten Schauspielschulen, die Münchener Otto-Falckenberg-Schule absolvierte er von 1999 bis 2002.

Damals muss schon etwas spürbar gewesen sein bei ihm, der von sich sagt, er sei "so naiv gewesen und habe sein Leben doch nur auf dem Fußballplatz verbracht". Etwas, das auch heute - privat, auf der Bühne und in einer Handvoll Film- und Fernsehproduktionen - vorhanden ist, nur inzwischen viel geformter und ausgereifter. "Energie und Spiellust, Offenheit und Scham" nennt er es selbst. Jedenfalls sind es Elemente und Eigenschaften, die eine bezwingende impulsive Intensität und große Spannkraft vermitteln.

Ljubeks Wille muss enorm sein. Ein vitaler Elan, der sich gegen Bequemlichkeit ("gefährlich") und Zufriedenheit im Beruf ("kaum zu erlangen - und dann verheerend") wappnet. Auch im Gespräch schwingt dieser Wille mit und wird in seinen stets griffigen, anschaulichen Worten plastisch. Ljubek zeigt, ohne kokettes Bloßlegen, seine "verwundbaren" Stellen - sein Lindenblatt, wie beim ansonsten mit Hornhaut gepanzerten Siegfried. Verletzungen hat es reichlich gegeben. Am Wiesbadener Staatstheater hat er den Hamlet und Don Carlos gespielt und "eine Form von Einsamkeit gespürt wie selten zuvor und danach".

Der Regisseur András Fricsay wurde da zur wichtigen Stütze: Er sei ihm mit Liebe begegnet. "Wenn dieser Funken nicht zündet, ist es schwer. Als Schauspieler bist du nackt. Woher soll man den Mut nehmen, sich den Wasserfall runterzustürzen, ohne etwas zum Festhalten zu haben?" Bekenntnisse, die glaubhaft klingen, in aller Herzensschlichtheit, in der Carlo Ljubek sie äußert.

In Köln ist es die Intendantin Karin Beier, der er Vertrauen entgegenbringt. Carlo Ljubeks langjährige Freundin, die Schauspielerin Maja Schöne, hatte ihn angeschubst, sich für Beiers Kölner Theaterstart zu bewerben. Denn eigentlich hat er "Angst davor, irgendwo fest engagiert zu sein. Angst, dass man mich nehmen und irgendwo hinstellen kann. Dann laufe ich weg." Dass Karin Beier ihn halten kann, gehört sicherlich mit zu ihren besten Taten.